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Hundert Hosenspanner und eine Kanne Fischtran
Konkursakten – darunter stellen sich die meisten wohl trockene Verwaltungsakten vor. Doch in den Dossiers befinden sich häufig interessante Informationen und manchmal auch überraschende Inhalte. Im Rahmen des aktuellen Nacherschliessungsprojekts wurden die Betreibungs- und Konkursakten bewertet und erschlossen. Die getroffene Auswahl an Konkursfällen von kleinen Unternehmen, Hotels, Privatpersonen sowie von grösseren Firmen geben Einblick in die Wirtschaftsgeschichte Nidwaldens.
Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lockte der Kanton Nidwalden mit seiner Tiefsteuerpolitik zahlreiche Unternehmen zu sich. Doch nicht alle Betriebe waren erfolgreich oder konnten wirtschaftlichen Krisen wie beispielsweise der Rezession von 1975 standhalten. Die insolvent gewordenen Betriebe mussten Konkurs anmelden. Die Akten dieser Konkursverfahren gelangten durch Ablieferungen der dafür zuständigen Ämter in das Staatsarchiv Nidwalden.
Bis in die 1970er-Jahre gab es in Nidwalden Betreibungsämter in Stans, Hergiswil, Buochs, Beckenried und Wolfenschiessen. Diese wurden von nebenamtlichen Betreibungsbeamten von zu Hause ausgeführt. Einer der Betreibungsbeamten war gleichzeitig der Konkursbeamte des Kantons. Von 1978 bis 1981 wurden die Betreibungsämter schrittweise aufgehoben und in einem kantonalen Betreibungsamt zentralisiert. Zwischen 1986 und 1990 wurden das Betreibungsamt und das Konkursamt zusammengelegt und die heutige Organisation geschaffen.
Im Rahmen des Nacherschliessungsprojekts 4 wurden die Betreibungs- und Konkursakten im Umfang von etwa 40 Laufmetern nun bewertet und erschlossen. Die überlieferten Dokumente geben nicht nur Aufschluss über die Tätigkeiten des Konkurs- und Betreibungsamts. Man erfährt auch einiges über die Geschichte der konkursgegangenen Unternehmen und erhält durch die Inventare Einsicht in deren Besitz und Vermögen.
Wie etwa im Falldossier von Marie Wirz-Zimmermann, die eine Firma namens Treva für chemische Kleiderreinigungen besass und führte. Die Firmenverlegung von Luzern nach Buochs im Jahr 1949 erwies sich als betriebswirtschaftlich grosser Fehler, wie man in ihrem Nachlassgesuch lesen kann. Das junge Unternehmen hatte noch nicht die nötigen finanziellen Mittel, um für die Kosten der Neuinstallierung in Buochs aufzukommen. Zudem führte der Umzug zu einem Betriebsausfall von zwei Monaten. Dann erkrankte die Geschäftsführerin. Ein kaufmännischer Berater sollte Abhilfe schaffen. Doch auch dieser Berater erzielte keine Verbesserungen. Seine Rechnungen trieben das Unternehmen sogar in noch grössere Schwierigkeiten. Frau Wirz-Zimmermann musste sich verschulden. Sie lieh sich Geld von Angestellten und Auftraggebenden. Dies wirkte sich nachteilig auf die Arbeitsweise der Angestellten aus: «Jeder wähnte sich als Teilhaber und glaubte sich berechtigt und verpflichtet sich als Ratgeber des Betriebes aufzuführen.» Das Unternehmen verschuldete immer stärker.
Im vom Konkursamt erstellten Inventar erfährt man, was sich im Betrieb Treva für chemische Kleidereinigung befand – unter anderem: ein Dampfkessel mit einer Fläche von 3.5 m2 im Wert von 7'000 Franken, drei Dampfbügelpressen, sieben Bügelmaschinen, acht Bügeleisen, fünf kleine Bügelbretter, 100 Hosenspanner und 1'000 Kleiderbügel.
Auch das Inventar des Landwirts und Senns Peter Amstutz aus Obbürgen gewährt einen interessanten Einblick in den Besitz und das Vermögen eines landwirtschaftlichen Betriebs in den 1950er Jahren. Dort liest man von Kuh-Geschirr, Melkstühlen, einer Rüben-Bröckler-Maschine, einem Käse-Salztisch, einer Kanne Fischtran und zwei Davoser Schlitten. Seine Wohneinrichtung ist ebenfalls aufgeführt. Demnach befand sich auf dem Estrich ein alter Phonograph und «diverses Gerümpel». Im Dossier des Landwirts sind zudem Sparbücher, Zinsbücher und Gültensätze überliefert.
Neben solchen kleinen Unternehmen sind im Staatsarchiv Nidwalden auch Konkursfälle von Hotels, beispielsweise des Hotels Mattgrat, und von grösseren Firmen wie dem Baugeschäft Erni AG oder der Verwaltungsgesellschaft MONTIM überliefert. In den Dossiers zu den grösseren Firmen sind einige Firmenakten vorhanden, die Einsicht in die Verwaltung und die Geschichte der Firmen geben. Im Dossier zu MONTIM sind beispielsweise Statuten, Protokolle, öffentliche Urkunden sowie Reiseberichte, Pläne und Gutachten zu den Firmenimmobilien in Montreal überliefert.
So erweisen sich die vermeintlich trockenen Konkursakten nicht selten als interessante Quellen für die Erforschung der Nidwaldner Wirtschaftsgeschichte und geben oft auch Einblick in die Mühen und Nöte der Geschäftsinhaberinnen und -inhaber.
Judith Wenzel